EIN BESUCH DER ST. JAKOBSKIRCHE VON ANTWERPEN

Liebe Besucher! Willkommen in unserer ‚renommierten’ Pfarrkirche. Lassen Sie einmal den geschäftigen Einkaufs­stress Antwerpens hinter sich und versuchen Sie, in diesem beeindruckenden Gotteshaus auf Atem zu kommen. In dieser ausserordentlichen Kirche trifft überraschenderweise die gotische Kunst auf einen spielerischen Barock. Hier können Sie von zeitloser Schönheit geniessen und von vielem, was von Gottes ewiger Liebe durchdrungen ist.

Die besonders hohe künstlerische Bedeutsamkeit verdankt die Kirche dem unvorstellbaren Reichtum an Renaissance- und Barockobjekten, z.B. 24 Altäre mit beinahe ebensovielen Gemälden. Weitere mitreissende Barock­kunstwerke der Bildhauerei finden Sie in Marmor bei den Epitaphen oder in Holz beim Chorgestühl, dem Orgelkasten, der Kanzel und den Beichtstühlen. Und durch die Grabkapelle von Ant­werpens berühmtesten Bürger P.P. Rubens gehört die St. Jakobskirche zum Pflichtprogramm für jeden Touristen.

n Wie in vielen europäischen Städten begann auch die Geschichte der Antwerpener St. Jakobskirche ausserhalb der Stadtmauer mit einer Kapelle (in 1415) für ein Gästehaus der Pilger (aus Nordeuropa) auf dem Weg nach Santiago de Compostella, wo sich das Grab des Apostels Jakob befindet. Es kommen heute noch Pilger hierher, um Segen für ihre Reise zu erbitten. Sie erhalten ein Reiseheft, in dem jeder Besuch in einem Jakobsheiligtum abgestempelt wird. In Compostella angekommen erhalten sie eine Muschel als Kennzeichen. Solche Muscheln befinden sich auch dekorativ integriert auf der Turmbasis, in der ganzen Kirche, und auch am Eckhaus der Lange Nieuwstraat – Sint-Jacobsstraat wieder.

LEGENDE

A  Chor: Hauptaltar, Lettner, Orgel

(B) Vierungsaltar

C  Sakramentskapelle, Kommunionsbank, Habsburger Fenster

D  Heilige Dreieinigkeit (Freikauf von christlichen Sklaven)

E  Sankt-Ivokapelle (Juristen)

F  Grabkapelle P.P. Rubens

G  Grabkapelle Familie Carenna

H  Marienkapelle: Beichtstuhl mit Der Verlorene Sohn

J  Sankt-Hubertuskapelle: Fenster (1538) + Kartäusermonument

K  Sankt-Josefkapelle (Schreiner)

L  Sankt-Lucia Triptychon (Seideverarbeiter), Epitaph Lantschot

M  Monument Marquise von Velasco

N  Sankt-Rochus Gemäldetafeln

O  Jobskapelle (Musiker)

Sankt-Janskapelle: Jacobstriptychon

Q  Kanzel

R  Orgel (Anneessens, 1884)

S  Schatzkammer

♦ 15 Jahre später, aufgrund der Ernennung der Kapelle zur Pfarrkirche im Jahre 1476, wurde der Neubau im Brabant-gotischem Stil eingeleitet. Dank der Reihe Kapellen neben jedem Seitenschiff bekommt man eine Raumaufteilung, die einzigartig in Antwerpen ist. Besonders fallen die schweren Pfeiler auf, die die typische Skelettkonstruktion tragen. Aus Gründen von Stabilität und Stileinheit wurde in der 1. Hälfte des 17. Jh. – eigentlich Barockepoche – der östliche Teil im gotischen Stil fortgeführt. Sogar der Barockmeister P.P. Rubens bekam eine neue Grabkapelle im gotischen Stil ( F).

♦ Der universelle Wunsch nach immer Grösserem und Höherem veranlasste die Bauherren (nur) einen Turm errichten zu lassen, der jedoch die zwei Türme der Kathedrale völlig in den Schatten stellen sollte. Von diesem wahrscheinlich 150m hohem Traum wurde letztendlich nur ein Drittel verwirklicht. St. Jakob hat jetzt einen robusten Turm, der schon seit fast 500 Jahren ein typisches Merkmal der Stadt Antwerpen ist und überraschend im Strassenbild erscheint.

Als Pfarrkirche beherbergt die St. Jakobskirche Altäre von einigen kleineren Gilden, wie die der Torfträger ( J) oder auch die der Seideverarbeiter (Triptychon,  L). Die Musiker, die sich um den unglücklichen Hiob herumbefinden, stellen ihre inspirierenden Streich- und Blas-instrumente zur Schau ( O). Bei manchen Berufsgruppen kann der Schutzheilige als berufliches Vorbild aufgefasst werden, wie z.B. der Schreiner St. Joseph ( K), oder auch der Advokat St. Ivo, der sich ’pro Deo‘ für die Armen einsetzte ( E).

Auch viele Bruderschaften konnten ihre Andacht in eigenen Kapellen abhalten. Die Bruderschaft der Heiligen Dreieinigkeit animierte zum Freikauf der christlichen Sklaven in Nordafrika ( D). Die angesehensten Bruderschaften mit der grössten Kapelle sind auch noch heute tätig: die vom Heiligen Sakrament ( C) und die von Maria ( H).

♦ ( A) Nachdem der Chor fertig war, ist 1656 ein Kapitel gegründet worden. Anlässlich dieser Gruppe von kollegialen Kanonikern erhielt die Kirche ihren Status als Kollegiatskirche (bis 1801). Jeden Tag zu festgesetzten Zeiten kamen sie hier her, um im Chorgestühl (Onkel und Neffe Artus I und Artus II Quellin, 1658-‘70) zu Ehren Gottes zu singen. An diesen Hymnen nehmen auch die Flora und Fauna in Form von Skulpturen teil, der Phantasie-Reichtum ist wirklich eindrucksvoll. Die Verherrlichung des Jakobus erregt alle Aufmerksamkeit durch den flamboyanten, triumphie­renden Hauptaltar in Marmor (Artus II Quellin und Willem Kerrickx, 1685). Gottvater sitzt auf seinem Thron unter einem (hölzernen) Baldachin in der Form einer enormen, offenen St. Jakobs­muschel. Charakteris­tisch für die St. Jakobskirche ist der Lettner (Sebastiaan de Neve, 17. Jh.) mit einer Orgel des berühmten Jean-Baptist Forceville (1727), deren mechanisches Triebwerk immer noch läuft, und begleitet von musizierenden Engel (Michiel I Van Der Voort).

 Ein reiches künstlerisches Erbe – Bitte erwarten Sie hier nicht originale Kunstwerke der Gotik oder der frühen Renaissance vorzufinden. Durch den Bildersturm im Jahre 1566 und die calvinistische Kirchensäuberung im Jahr 1581 wurde alles zerstört. Das Altarretabel mit Das Leben von Sankt Rochus (1517) überlebte die Zerstörungen ( N). Nach der calvinistischen Besetzung ging ein Teil der Kirche 1585 wieder zur katholischen Konfession über und dadurch kam es zu einem enormen künstlerischen Schaffen im barocken Stil mit einer Vielzahl von Marmorsorten. Der nahezu vollständige Erhalt von fast allen Kunst­werken in der St. Jakobskirche ist eine grosse Ausnahme. Dies ist einem Priester zu verdanken, der mit dem französisch-revolutionärem Rat kollaborierte und einen Schwur zu­gunsten der Republik leistete. Als Art Belohnung wurde ihm eine Kirche in Antwerpen entsprechend seinem Wunsch zugewiesen. Die Schatzkammer (F S) hat dementsprechend etliche schöne liturgische Stücke vor zu weisen, sowohl Edelschmiede-Arbeiten als auch Textiel. Einen schweren Verlust erlitten leider die meisten der Blei-verglasten Fenster: sie wurden Ende des 2ten Weltkrieges zerstört durch V-Bomben. Die meisten von ihnen wurden in den 1960-Jahren nach einem Entwurf von Louis-Charles Crespin erneuert. Zum Glück überlebte das älteste Fenster (ca. 1535) in der St. Hubertuskapelle: Das Letzte Abendmahl ( J).

♦ ( C) In der Sakramentskapelle ist die Qualität der Barock-Bildhaukunst absolute Spitze. Auf einer Tafel links vom Altar (Lodewijk Willemsens und Petrus I Verbruggen, 1690) fragt ein Messdiener mit klingeldem Glockenspiel um Andacht für die Konsekration. Und dann ist da noch die herrliche Kommunionsbank (Willem I Kerrickx und Hendrik Frans Verbrüggen, 1695). Das Material ist so natürlich bearbeitet, dass man fast vergisst, dass es sich hierbei um Marmor handelt. Mit treffenden Gesten beten liebliche Messdiener-Engelchen Jesus in Gestalt von Brot und Wein an und erkennen Ihn als das wahre Lamm Gottes. Das Glasfenster zeigt eine fabelhaft grüne Landschaft. Das Meisterwerk von Jan de Labaer (1626) repräsentiert in mehreren Schritten die Geschichte von Rudolf von Habsburg, der bereit war einem Priester sein Pferd anzubieten, so dass dieser einem Sterbenden so schnell wie möglich die Sterbesakramente mit der hl. Kommunion spenden konnte.

♦ ( H) Marienkapelle – Seit 1664 wird Maria an diesem Altar verehrt zwischen fröhliche weiße marmornen Blumen (Sebastiaan van den Eynde). Früher florierte hier die Bruderschaft der Schwermütigen Mutter rund der Pièta (Artus II Quellinus, 1650). Seit die 19. Jh. steht ‘Maria, Hilfe der Christen‘ am Altar. Die Glasfenster repräsentieren glückliche Momente ihres Leben: Maria Botschaft und Die Heimsuchung Mariens (Jan de Labaer, 1629 und 1644). Haben sie in einer Kirche jemals ein Schwein gesehen, das frisst? Sehen Sie sich den Verlorenen Sohn an! Als Beispiel für einen bekehrten Sünder wartet er bei einem Beichtstuhl auf andere, Reue zeigende Beichtende.

♦ Die St. Jakobskirche ist reich an Grabmonumenten, da sie im 17. und 18. Jh. eine Pfarrkirche für die Bourgeoisie war. Andere Monumente wurden im 19 Jh. hinzugefügt.
( J) Wer hat kein Gefühl mit Anne-Marie van den Berg, die ein ergreifendes Denkmal für ihren Sohn in Auftrag gab? Der junge, kahlgeschorene Kartäusermönch widmet sich inbrünstig der ‚ewiger Anbetung’.
( L) Wie soll man von Herrn Cornelis Lantschot denken, der wegen seiner vielen Almosen und seines ‚gewaltigen‘ Gebetes („geweld“) so selbstbewusst über einen sicheren Platz im Himmel war?
( M) Haben Sie schon jemals einen Feldherr gesehen, der trotz seines strategischen Gehirns und seiner grandiosen Waffensammlung für so einen einem einfachen Feind wie Tot auf die Knie fällt? In der Tat, der Marquise del Pico de Velasco, der Befehls­haber der Antwerpener Citadella war, zeigt nicht mehr sich selbst als eine bedeutende Person, sondern teilt das gleiche gewöhnliche Schicksal aller Menschen.

Einige wohlhabende Familien aus dem 17. Jh. liessen eine eigene Grabapelle errichten.
( F) Die berühmteste davon ist die der Familie P.P. Rubens in der Marienkapelle im östlichen Teil der Kirche, die 5 Jahre nach seinem Tod, um 1645, fertig gestellt wurde. Rubens wählte das Gemälde Unserer Lieben Frau von Heiligen umringt, kurz vor seinem Tod für seine Grabkapelle aus, ein Gemälde das aus rätselhaften Gründen niemals bei dem eigentlichen Auftraggeber ankam. Suchen Sie deshalb nicht nach Portraits seiner Verwandten noch von ihm selbst. Bei Rubens‘ Tod sagte ein Geistliche: “Jetzt ist er nach das Original von verschiedene schöne Gemälde denen er uns hintengelassen hat”.
( G) Die Mailänder Familie Carenna hatte St.-Carolus Borromäus von Mailand als Schutz-patron. Hier ist er als Schutzpatron der Pestkranken von Jaques (‚Jacob‘) Jordaens gemahlt.

♦ ( Q) Kanzel (Lodewijk Willemssens, 1675) – Vier allegorische Frauenfiguren tragen den Kanzelkorb. Die Tugend des Glaubens wird flankiert von der Wahrheit und der Theologie. Der Glaube wird weiter gegeben durch Unterricht, z.B. durch Predigten. Fast ganz unter der Treppe versteckt hält die Instruktion uns einen Spiegel vor (von berühmten Vorbildern) mit dem Text: „Schauen Sie hier hinein und Sie werden weiser sein”. Die Frage, die sich stellt, ist dann auch: „An welchem Vorbild spiegele ich mich?”

 ( R) Von dem unterste Stock des Turmes lasset das große Orgel (Anneessens, 1884) sich in die Kirche hören.

 Papst Clemens XI gab den Kapitel in 1705 den Ehrenamen ‘renommiertes‘ und – wie Sie sich sicher vorstellen können – ist man hier immer noch stolz auf diese ‚renommiertes Kapitelkirche‘. Völlig beeindruckt von all dieser Schönheit und dem Reichtum sagte ein deutscher Besucher im 19. Jh., dass die St. Jakobskirche es „als die reichste Kirche der germanischen Länder verdient… in Venedig zu stehen“. Obwohl die chauvinistischen Antwerpener sich an diesem Kompliment sehr erfreuen, bevorzugen sie jedoch ihren St. Jakob hier zu behalten.

Toerismepastoraal Antwerpen (TOPA)